„Es gibt immer etwas zu tun“

Bernhard Anders (l.) zu Besuch im Garten von Alex Sütterlin Fotos: Kristoff Meller Foto: mek
Bernhard Anders (l.) zu Besuch im Garten von Alex Sütterlin Fotos: Kristoff Meller Foto: mek

Lörrach. "Schrebergarten" - das klingt nach Zwergen mit Zipfelmützen und nach Senioren, die Salatköpfe ernten. Doch ein eigenes Gärtchen liegt im Trend, entsprechend groß ist die Nachfrage. Wer eine der 136 städtischen Parzellen pachten möchten, muss derzeit aber 13 Jahre Wartezeit einplanen. Deutlich schneller kommt man bei den Gartenfreunden Lerchengrund zum Zug, dafür gibt es mehr Regeln zu beachten.

Erst im vergangenen Jahr ist Michael Werndorff von Saarbrücken nach Lörrach gezogen. Im Saarland besitzt der 36-Jährige noch immer einen Kleingarten, doch auch an seinem neuen Wohnort wollte er sich um einen "Freizeitgarten" bemühen und rief deswegen jetzt, wo überall der Frühling ausbricht, bei der Stadtverwaltung an. Die Auskunft: "Ich schreibe Sie gerne auf die Warteliste, derzeit dauert es aber etwa 13 Jahre, bis Sie ein Grundstück bekommen."

Die Alternative wäre eine Mitgliedschaft beim Kleingartenverein Gartenfreunde Lerchengrund. "Ich bin aber kein typischer Schrebergärtner", erklärt Werndorff, der in einem Mehrfamilienhaus ohne eigene Grünfläche wohnt. "Ich möchte einfach etwas eigenes Gemüse anpflanzen, als Alternative zum Supermarkt - für mich ist das ein Freizeitspaß". Dass er darauf mehr als ein Jahrzehnt warten soll, konnte er kaum glauben.

Doch Sabine Schneider, Stellvertretende Fachbereichsleiterin Grundstücks- und Gebäudemanagement, bestätigt: "Derzeit bearbeiten wir die Anfragen aus dem Jahr 2001. Voraussichtlich steht aber in den kommenden Jahren ein Generationenwechsel an, so dass vermehrt Flächen frei werden und sich der Vergabeprozess beschleunigt." Die Nachfrage sei in den vergangenen zehn Jahren unverändert hoch gewesen.

Gibt es vielleicht zu wenige Flächen in Lörrach? Der bundesweite Richtwert liegt bei zehn Quadratmetern Schrebergartenfläche pro Einwohner. Lörrach liegt mit einer Fläche von 56 000 Quadratmetern und einer Einwohnerzahl von rund 50 000 darüber - 11,20 Quadratmeter pro Einwohner.

Monatliche Kontrollen im Sommer

Ein Grund könnte auch die geringe Fluktuation sein. Die Verpachtung erfolgt laut Schneider zwar immer nur auf ein Jahr, sie wird aber automatisch verlängert, "wenn der Pächter den Garten ordnungsgemäß bewirtschaftet und pflegt". Stirbt ein Pächter, kann der Partner - nicht aber die Kinder - den Garten übernehmen. Eine Unterverpachtung sei hingegen illegal, erklärt Schneider.

Generell gibt es klare Regelungen, was sich auf den Grundstücken befinden darf und was nicht. Bauliche Anlagen wie Zäune und Geschirrhütten mit kleiner Abmessung dürfen laut Walther Schwenzer, Fachbereichsleiter Stadtplanung und Baurecht, nur mit Genehmigung und Zustimmung der Baurechtsbehörde erstellt werden. "Entscheidend ist der jeweilige Bebauungsplan", so Schwenzer. Bei Pachtende müssen die Anlagen wieder entfernt werden. Weiterhin werde in Neuverträgen die Anpflanzung von nicht heimischen Sträuchern und geschlossenen Schnitthecken untersagt.

Schwenzer empfiehlt grundsätzlich die Prüfung der Vorgaben: "Insbesondere bei Grundstücken in der freien Landschaft, dem sogenannten Außenbereich, dürfen Hütten und sonstige bauliche Anlagen zu Freizeitzwecken nicht beliebig errichtet werden." Details können im Informationsblatt zum Thema "Gerätehütten im Außenbereich" nachgelesen werden.

Die städtischen Kleingärten werden laut Sabine Schneider im Sommer monatlich kontrolliert. "Bei Feststellung von illegal errichteten Gebäuden und sonstigen Anlagen wird der Pächter zum Rückbau aufgefordert. Bei Verwilderung und unterlassenem Rückbau erfolgt eine Kündigung nach der dritten Abmahnung unter Berücksichtigung von Härtefallregelung und Ausnahmen, beispielsweise bei Krankheit des Pächters", so Schneider.

Doch nicht jede Verwilderung sei unerwünscht, wie Britta Staub-Abt, Fachbereichsleiterin Umwelt und Klimaschutz, erklärt. "Seltenes und spätes Mähen, was je nach Betrachter schon als Verwilderung angesehen wird, ist aus ökologischer Sicht zu begrüßen." Doch entlang der Wiese sind einige Grundstücke in einem sehr schlechten, ungepflegten Zustand. Teilweise sind diese laut Schneider in Privatbesitz, die Pachtverträge der städtischen Grundstücke seien außerdem ausgelaufen. Diese werden im Rahmen eines IBA-Projektes (Internationale Bauausstellung Basel 2020) in den nächsten Jahren ökologisch aufgewertet.

Keine "reinen Ziergärten" erwünscht

Alles andere als in schlechtem Zustand sind die 69 Parzellen der Gartenfreunde Lerchengrund. Seit 1969 existiert die Anlage neben dem Hauptfriedhof, der Verein ist sogar noch älter und wurde 1956 gegründet. Die zwischen 200 und 400 Quadratmeter großen Grundstücke gehören zwar ebenfalls der Stadt Lörrach, werden aber vom Verein an seine Mitglieder unterverpachtet.

Man könne die Anlage aber nicht mit den übrigen Schrebergärten vergleichen, sagt Alex Sütterlin, der seit 1999 einen Schrebergarten im Lerchengrund hegt und pflegt. "Wir sind ein Verein und haben klare Vorschriften vom Verband", erklärt Sütterlin. So ist beispielsweise festgelegt, wie hoch die Bäume sein dürfen und dass ein Drittel des Grundstücks mit Gemüse oder Obstbäumen bepflanzt werden muss. "Reine Ziergärten sind nicht erwünscht", erklärt Sütterlin. Auch muss jedes Mitglied pro Saison zwölf Stunden Gemeinschaftsdienst verrichten, um die Anlage und das Vereinsheim in Schuss zu halten.

Viel Herzblut investiert

Trotz der vielen Regeln sind viele Grundstücke überraschend individuell gestaltet, und es wird schnell ersichtlich - hier wird viel Zeit und Herzblut investiert. "Es gibt immer etwas zu tun", bestätigt Sütterlin, der heute einen freien Tag nutzt, um seine Veranda zu streichen.

Bernhard Anders kümmert sich hingegen gerade um das Vertikutieren seines Rasens. Das Ehrenmitglied ist seit 1969 dabei - kaum einer kennt die Anlage so gut wie er: "Ich bin jeden Tag hier, inzwischen fahren wir nicht mal mehr in den Urlaub", erklärt Anders bei einer kurzen Führung über sein Grundstück mit Freiluftdusche und Fernseher in der geräumigen Hütte.

Ihm ist in jüngster Zeit aufgefallen, dass die Fluktuation der Pächter zugenommen hat: "Dieses Jahr haben wir wieder fünf Abgänge." Die Grundstücke werden meist schnell wieder belegt, die Wartezeiten seien deutlich geringer als bei städtischen Flächen. Dafür ist der Schritt zum eigenen Grün hier jedoch teurer. Das Grundstück wird vor der Übergabe geschätzt, der Pächter bekommt dafür schon einen fertigen Garten, der nur noch gepflegt werden muss, aber natürlich auch nach eigenem Gusto verändert werden kann.

Was das Ehrenmitglied bei seinem täglichen Besuch aber immer weniger sieht, sind junge Familien: "Junge Mitglieder haben wir hier im Lerchengrund leider kaum", beklagt Anders. Dabei sei doch genau das der Hintergedanke der ersten Schrebergärten im 19. Jahrhundert mit ihren "Familienbeeten" gewesen: Eine günstige Möglichkeit, um selbst Gemüse anzubauen und die Freizeit zu verbringen.

Kurzinfo:

Die Stadt Lörrach verwaltet Grundstücke zur kleingärtnerischen Nutzung, hierbei handelt es sich um unbebaute Grundstücke im Außenbereich. Die Verpachtung erfolgt ohne bauliche Anlagen und Zäune.

Insgesamt stehen derzeit 136 Gärten mit einer Fläche von rund 28 000 Quadratmetern zur Verfügung. Die 76 Lörracher und Brombacher Gärten werden von der Stadt Lörrach im Fachbereich Grundstücks- und Gebäudemanagement verwaltet und vergeben. Die Verwaltung und Vergabe der 60 Gärten in Hauingen erfolgt direkt durch die Ortsverwaltung.

Die Pachthöhe orientiert sich an der zu vergebenden Parzelle. Für einen Garten (kleingärtnerische Nutzung) beträgt die Pacht bei der Stadt 25 Euro pro Ar/jährlich. Im Durchschnitt haben die Gärten eine Größe von 200 Quadratmetern, so dass mit einer Pacht von jährlich 50 Euro zu rechnen ist.

Darüber hinaus stehen Kleingartenanlagen (Schrebergärten) im Sinne des Bundeskleingartengesetzes in der Gartenanlage Lerchengrund (mit einer Fläche von rund 20 000 Quadratmetern) und in der Gartenanlage im Grütt (mit einer Fläche von 8000 Quadratmetern) zur Verfügung. Die Gartenanlagen sind jeweils an einen Verein verpachtet, der die Verwaltung der Hütten mit Strom und Wasseranschluss übernimmt. (Quelle: Stadt Lörrach)


(Artikel von Kristoff Meller, erschienen in der Oberbadischen Zeitung am 11. April 2015)